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Übergewicht bei Kindern bleibt nicht ohne Folgen

Die Sommerferien sind vorbei und mit der Schule beginnt nicht nur wieder der Ernst des Lebens, sondern auch jene Zeit, in der Kinder und Jugendliche erneut einen Großteil des Tages im Sitzen verbringen. Neben all den Hausaufgaben und Vorbereitungen auf Prüfungen bleibt nicht nur wenig Zeit für eine aktive Freizeitgestaltung – der kurze Freiraum wird auch meistens mit Computerspielen oder Fernsehen ausgefüllt. Trotz des verminderten Energieverbrauchs aufgrund geringerer körperlicher Betätigung nehmen Kinder und Jugendliche aber nicht weniger Kalorien zu sich. Treten dann auch noch psychische Belastungen auf, fungiert das Essen nicht zuletzt oft als „Seelentröster“ – ein schwer zu durchbrechender Kreislauf beginnt.

Essen und Nahrungsaufnahme sind die ersten libidinösen (= triebhaften) Erfahrungen des Säuglings. Dieser Vorgang vermittelt dem Neugeborenen Geborgenheit durch die Nähe der Mutter, dementsprechend wird dieses wiederholte Ereignis im Unterbewusstsein gespeichert und als befriedigendes Erlebnis ein Leben lang als positiv bewertet. Kommt es nun zu Krisensituationen oder schwierigen Entwicklungsepochen, neigen vor allem Kinder dazu, sich zurückzuziehen und suchen jene Geborgenheit, die sie aus ihrer Vorgeschichte gespeichert haben und glauben unbewusst, diese durch vermehrtes Essen oder übermäßiges Naschen auszugleichen. Spielt sich dieser Mechanismus einmal ein, isolieren sich übergewichtige Kinder aufgrund der negativen Erfahrungen, die sie mit ihrem Körpergewicht gemacht haben, von der Gesellschaft. Sie werden vielfach von Mitschülern gehänselt, ermüden rasch und verlieren zunehmend die Freude am Leben. Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Anerkennung wird wiederum durch Essen gestillt.

Doch nicht nur seelische Prozesse, sondern auch genetische Anlagen können einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung von Übergewicht leisten. „Mittlerweile ist uns eine Vielzahl von Genen bekannt, die die Entstehung einer Adipositas (= Fettsucht) begünstigen. Bringen beispielsweise übergewichtige Eltern eineiige Zwillinge zur Welt, so sind häufig beide Kinder übergewichtig. Insgesamt gehen wir davon aus, dass die Bedeutung der Genetik für die Entstehung von Übergewicht zwischen 25 bis 40 % liegt“, erklärt Univ.-Prof. Prim. Dr. Klaus Schmitt, Ärztlicher Leiter der Landes- Frauen- und Kinderklinik Linz. Aber auch gewisse Faktoren in der Schwangerschaft, wie beispielsweise Schwangerschaftsdiabetes, erhöhen das Risiko eines übergewichtigen Kindes enorm. Stillen dagegen hat einen schützenden Effekt. Wird der Säugling mindestens sechs Monate lang gestillt, sinkt die Gefahr, später einmal übergewichtig zu werden um beachtliche 40 %. Die oft beschuldigten Drüsen (Hormonerkrankungen) spielen als Verursacher nur eine untergeordnete Rolle.

Natürlich ist Übergewicht auch mit den Ernährungsgewohnheiten unserer modernen, stressgeplagten Lebensweise in Verbindung zu bringen. Zu kalorienreiche, vor allem fetthältige Kost, Fast Food, zu wenig Obst und Gemüse und zuckerreiche Soft Drinks sind hauptverantwortlich für die Entstehung von Übergewicht. Auch die Werbebranche hat Kinder längst für sich entdeckt und gibt jährlich Milliarden für auf Kinder bezogene Reklame (z. B. essende Comicfiguren) aus. Besonders bedenklich: Rund 80 % aller übergewichtigen Jugendlichen bleiben übergewichtige Erwachsene.

Nehmen Kinder mehr Kalorien zu sich, als sie verbrauchen, bleibt dies – auf lange Zeit gesehen – nicht ohne Folgen. Hoher Blutdruck, Typ 2 Diabetes (Altersdiabetes) und Fettstoffwechselstörungen sind typisch für adipöse Kinder und Jugendliche. Diese Faktoren begünstigen wiederum Gefäßveränderungen (Arteriosklerose) und erhöhen das Risiko für einen Schlaganfall, Herzinfarkt oder andere Gefäßverschlüsse. Gelenksüberlastung und Gicht zählen ebenfalls zu den Folgen von Übergewicht, das übrigens auch das Risiko an bestimmten Krebsarten zu erkranken, erhöht.

„Übergewichtige Kinder und Jugendliche sind äußerst emotional, sozial hilfsbereit und sensibel. Hilfe ist nur dann realistisch, wenn die Betroffenen von sich aus bereit sind, abzunehmen. Hierbei arbeiten wir jedoch nicht mit Entzug, sondern mit vernünftiger, sättigender Ernährung und ersetzen die verlorene Geborgenheit durch die Eröffnung anderer Weltbilder. Eine Therapie ohne Familienarbeit ist jedoch nicht erfolgsversprechend. Erst, wenn ein Kind selbst die Initiative in die Hand nimmt und Veränderung anstrebt, können wir mit ihm alleine arbeiten“, erklärt Prim.Dr. Michael Merl, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Damit es soweit erst gar nicht kommen muss, sollten präventive Maßnahmen bereits vor der Geburt (z. B. gute Einstellung der Schwangerschaftsdiabetes) begonnen und im Kindesalter fortgeführt werden. Laut Prim. Schmitt ist nur eine Zusammenarbeit von Ärzten und Schulen auf lange Sicht zielführend. Die Verbesserung des Ernährungsbewusstseins im Unterricht (z. B. in Form einer „gesunden Jause“), mehr Turnunterricht sowie eine umfassende Aufklärung über die Folgen des Übergewichts sind wirksame, präventive Maßnahmen.