Landes-Frauen- und Kinderklinik Linz
bieten jungen Opfern erste adäquate Anlaufstellen bei sexuellem Missbrauch!
Innerhalb der Ambulanz für Kinder- und Jugendgynäkologie bietet die Landes-Frauen- und Kinderklinik Linz jungen Opfern – im Alter von zwei bis 15 Jahren – kompetente Untersuchung und Abklärung bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch. Entscheidend für die Experten an der Linzer Spezialklinik ist ein, von Beginn an, behutsamer Umgang mit den Opfern.
„Um den Kindern bzw. Jugendlichen die Angst vor einer gynäkologischen Untersuchung zu nehmen, sprechen wir zuerst ausführlich mit ihnen. Im Anschluss an das Gespräch erklären wir den Kindern die Untersuchungsgeräte und deren Funktionsweise. Zu einer Untersuchung kommt es jedoch nur dann, wenn das Kind damit einverstanden und eine Vertrauensperson anwesend ist. Es besteht außerdem die Möglichkeit, via Kamera die Untersuchung mitzuverfolgen, um somit Schritt für Schritt zu erfahren, was gerade passiert. Bei Bedarf gibt es die Möglichkeit einer Narkoseuntersuchung“, erklärt Ass. Dr. Birgit Fromherz, Leiterin der Kinder- und Jugendgynäkologischen Ambulanz. Da Zeit und Geduld in den kindergynäkologischen Sprechstunden einen zentralen Stellenwert einnehmen, finden die Untersuchungen nach telefonischer Vereinbarung auch außerhalb der Ambulanzzeiten statt. Ambulanztermine werden, je nach Problemlage und um so gut als möglich auf das Klientel eingehen zu können, individuell vergeben.
Die Kinder suchen in der Regel gemeinsam mit einer Bezugsperson die Ambulanz auf oder werden von der Abteilung für Kinder- und Neuropsychiatrie der Landes-Kinderklinik überwiesen. Bei Verdacht auf Vergewaltigung werden die Kinder bzw. Jugendlichen von der Exekutive begleitet. Dr. Fromherz über ihre Erfahrungen: „Erschreckend ist vor allem die Tatsache, dass in den meisten Fällen ein Verdacht auf sexuellen Missbrauch innerhalb der Familie vorliegt – im Durchschnitt kommt es zu einem Verdachtsfall monatlich.“
Prim. Dr. Werner Gerstl, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie ergänzend dazu: „Es gibt mehrere Formen und Schweregrade des Missbrauchs, oft werden die Symptome auch viel später reaktiviert und entfalten ihre zerstörerische Kraft gegenüber Identität und sexueller Reife. Missbrauch liegt dann vor, wenn sich der Täter oder die Täterin bei sexuellen Handlungen am Kind selbst erregt. Hinsichtlich der Symptomatik bei sexuellem Missbrauch muss einerseits zwischen sofort feststellbaren Frühsymptomen im akuten Stadium und einer Chronifizierung des Leides durch Verdrängung unterschieden werden. Mit anderen Worten: Das Ereignis bleibt in Träumen und Tagträumen bei den Opfern inhaltlich präsent und erzeugt Abwehr, Panik, Depression oder psychosomatische Reaktionen. Besonders in Epochen, welche Sexualität und Liebesbeziehungen interessant machen, entfalten die verdrängten Erinnerungen eine Ambivalenz. Ein geliebter Mensch/Partner wird symbolisch auch zum Täter. Hier entfalten sich Leidenszustände, die in Bulimie, Ohnmacht oder schweren Angstkrankheiten Ausdruck finden.
Unsere Erfahrungen zeigen, dass der Missbrauch von Knaben bisher an Frequenz unterschätzt wurde: Hier gibt es eine Studie, die besagt, dass 5 bis 6 % aller Knaben irgendwann sexuell missbraucht wurden. Die Schwierigkeit in punkto Aufklärung liegt vor allem darin, dass Burschen aus Scham oder auch aus Solidarität mit dem Täter im Sinne einer ‚Verkumpelung’, die geschickt ausgenützt wird, beharrlich schweigen. Grundsätzlich überwiegen bei Knaben extrovertierte Symptome, wie Hass, Aggression und Suizidgedanken oder Handlungen. Insgesamt ist für Kinder vor allem die Zerstörung des Urvertrauens gegenüber einem Menschen, den sie lieben und der zum Täter wird eine katastrophale Erfahrung“.
Erschwert wird die Problematik von sexuellem Missbrauch nach wie vor durch die Tatsache, dass sich Kinder im akuten Stadium nur sehr selten ihren Bezugspersonen anvertrauen. Daher gilt es, die Wesensveränderung, den Rückzug, die Verspannung bis hin zu autistischen Symptomen richtig zu deuten und sofort professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Neben der Ambulanz für Kinder- und Jugendgynäkologie bietet sich die Abteilung für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie als mögliche Anlaufstelle bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch. „Wir wurden an unserer Abteilung im letzten Jahr sehr häufig mit dem Thema konfrontiert. In acht Fällen bei Mädchen und in drei Fällen bei Knaben kam es zu einer Anzeige an das Jugendamt – wesentlich häufiger wurde jedoch der Verdacht diskutiert“, so Gerstl. Die Schwerpunkte der Abteilung für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie liegen in der Diagnostik und Therapie bei allen Formen von Entwicklungsstörungen, neurologischen oder psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter, Essstörungen, Hyperaktivität und Psychosen, Lern- und Wahrnehmungsstörungen, soziale Krisen, Missbrauch und Misshandlungen, familiäre und systematische Rehabilitation.
Um nach einer ersten Einschätzung der Situation an der Spezialambulanz bzw. an der Abteilung für Kinder- und Jugendneuropsychiatrie den Opfern entsprechend fortlaufende Hilfe anbieten zu können, fungieren die Spezialkliniken der gespag auch als Drehscheibe und Kontaktstelle für externe Beratungsstellen wie zum Beispiel das Kinderschutzzentrum, welches jahrelange Erfahrungen besitzt. Die Kinder und Jugendanwaltschaft berät bei rechtlichen Fragen und es gibt zahlreiche Institute, welche Therapien und Hilfe anbieten.