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Gefährlich und oft unerkannt: „Sekunden-Aussetzer“ bei Kindern

Bei Klein- und Schulkindern sind die sogenannten „Absencen“ jene Form von epileptischen Anfällen, die am häufigsten auftreten. Dabei kommt es zu einer kurzen Abwesenheit. Die Kinder sind weder ansprechbar, noch erinnern sie sich an den Anfall. Die Landes- Frauen- und Kinderklinik (LFKK) setzt nun auf verstärkte Aufklärung, da diese Krankheit oft unerkannt bleibt und die betroffenen Kinder in Gefahr geraten können – zum Beispiel im Straßenverkehr. Voraussetzung für eine entsprechende Aufklärung der Symptome ist eine exakte Diagnose, die besonders bei nächtlichen Anfällen schwierig ist. An der LFKK gibt es zu diesem Zweck eine Video-EEG-Anlage. Damit ist eine Überwachung rund um die Uhr möglich.

Weil Absencen meist nur zehn bis 20 Sekunden dauern und die Betroffenen sie selbst nicht wahrnehmen, bleiben sie oft lange unbemerkt. Manchmal werden sie vor allem in der Schule als Unaufmerksamkeit oder Leistungsschwäche der PatientInnen missverstanden, denn im Unterricht halten sie bei einem Anfall kurz inne, verlieren die Zeile beim Schreiben, lassen Buchstaben und Wörter aus oder machen für sie untypische Fehler. Betroffen sind vor allem Kinder zwischen dem fünften und dem zehnten Lebensjahr. Mehrmals täglich treten tagsüber und bei Müdigkeit Absencen auf. Sie beginnen und enden plötzlich. Eine Tätigkeit wird plötzlich unterbrochen und hinterher genauso plötzlich fortgeführt. Automatisierte Bewegungen können im Rahmen kurzer Absencen manchmal fortgesetzt werden, die PatientInnen reagieren dabei aber nicht adäquat auf ihre Umwelt. Vor allem im Straßenverkehr kann das sehr gefährlich sein.

Während einer „einfachen“, typischen Absence nehmen die Betroffenen ihre Umgebung nicht wahr, wirken benommen oder verträumt und verharren meist reglos, zeigen ansonsten aber keine sichtbaren Symptome. Bei einer „komplexen“ Absence kommt es zusätzlich zu Symptomen wie etwa einem rhythmischen Augenblinzeln, Herabsinken von Kopf und Armen oder Mundbewegungen („Automatismen“). Während oder nach der Pubertät kann es bei den Kindern zusätzlich zu generalisierten tonisch-klonischen-Anfällen kommen. Bei diesen „großen“ Anfällen verlieren die Betroffenen das Bewusstsein, sie stürzen und zucken rhythmisch mit Armen und Beinen. Meistens treten diese Anfälle in den frühen Morgenstunden auf und betreffen Mädchen etwa doppelt so oft, wie Jungen.

Es kommt aber auch vor, dass Absencen erstmals nach dem zehnten Lebensjahr auftreten. Meist gehen sie gemeinsam mit sogenannten juvenilen myoklonischen- oder tonisch-klonischen-Anfällen einher. Bei juvenilen myoklonischen Anfällen bleibt das Bewusstsein der PatientInnen erhalten und es kommt zu plötzlichen Muskelzuckungen der Schultern und Arme. Die Betroffenen empfinden diese Anfälle meist wie einen elektrischen Schlag. Die Anfallshäufigkeit ist allerdings viel niedriger, als bei jüngeren Schulkindern und Mädchen und Jungen sind gleichermaßen davon betroffen.

Kinder und Jugendliche mit typischen Absencen sind, abgesehen von den Anfällen, meist völlig unauffällig. Sowohl beim körperlichen Untersuchungsbefund, als auch bei der geistigen Entwicklung und Leistungsfähigkeit zeigen sich keine Abweichungen zu Kindern und Jugendlichen, die nicht unter Epilepsie leiden. „Im Elektroenzephalogramm, dem EEG, finden sich bei kindlichen Abscenen jedoch ein regelmäßig auftretendes Muster. In jeder Sekunde treten jeweils dreimal hintereinander Spitzen und langsame Wellen auf. Bei juvenilen Absencen sind die EEG-Veränderungen rascher und weniger regelmäßig“, sagt OA Dr. Rudolf Schwarz von der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde von der Landes- Frauen- und Kinderklinik.

Mit der Video-EEG-Anlage der LFKK ist eine Überwachung der PatientInnen rund um die Uhr möglich. Dadurch können auch nächtliche Anfälle erkannt werden. 1100 Betroffene wurden bisher untersucht, bei 15 bis 20 Prozent der Beobachteten konnte eine Epilepsieerkrankung nach der Untersuchung ausgeschlossen werden. Wird die Krankheit diagnostiziert, werden an der LFKK PatientInnen vom Neugeborenenalter bis zu 18 Jahren behandelt. Die Epilepsie- und Anfallambulanz der Klinik ist eine der größten Spezialambulanzen Österreichs. OA Dr. Rudolf Schwarz betreut mit OA Dr. Ulrike Rossegg und OA Dr. Ariane Biebl ca. 900 PatientInnen ständig.

Der Verlauf von typischen Absencen-Epilepsien ist insgesamt sehr günstig. Erste-Hilfe-Maßnahmen während einer typischen Absence sind dabei nicht erforderlich. Bei Absence-Epilepsien im Schulalter können Medikamente nach zwei- bis dreijähriger Anfallsfreiheit langsam abgesetzt werden. „Bei juveniler Absence-Epilepsie haben hinzutretende tonisch-klonische- oder myoklonische - Anfälle auf die weitere Behandlung Einfluss. Aber auch hier werden fast 90 Prozent der Patientinnen und Patienten anfallsfrei“, weiß OA Dr. Schwarz. Um eine bessere Behandlung von Absencen im Schulalter zu ermöglichen, wird vermehrt mit Schulärzten zusammengearbeitet. Sie werden vermehrt über das Thema aufgeklärt, damit sie Anzeichen für Absence-Epilepsie erkennen und betroffene Kinder in die LFKK überweisen können. Dies ist auch schon vielfach geschehen.

Additivfach Neuropädiatrie:

Vor einem Jahr wurde  in der Kinderfacharztausbildung das Additivfach Neuropädiatrie - Neurologie im Kindesalter - eingeführt. Kinderneurologen betreuen Kinder- und Jugendliche mit cerebralen Krampfanfällen, Nerven- und Muskelerkrankungen, entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems, chronische Kopfschmerzen und MigränepatientInnen, Kinder mit Entwicklungsstörungen  sowie zahlreichen angeborenen Erkrankungen mit Beteiligung des Nervensystems.