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Wenn das Schule gehen zur Qual wird: Teilleistungsstörungen bei Schulkindern

Das Wintersemester 03/04 beugt sich zwar dem Ende zu, doch viele Schulkinder blicken dem kommenden Semester bereits wieder mit Furcht entgegen. Es ist eine Tatsache, dass es nicht allen Kindern auf Anhieb gelingt, die schulischen Fertigkeiten zufrieden stellend auszuführen. Die Ursachen können beispielsweise so genannte Teilleistungsstörungen bei Schulkindern sein, die häufig viel zu spät erkannt oder fehl interpretiert werden. Die Experten gehen davon aus, dass rund 10 % aller Kinder in der Grundschule Teilleistungsdefizite aufweisen. Die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Linzer Landes- Frauen- und Kinderklinik versucht daher aktiv gegen diese Problematik vorzugehen und setzt verstärkt auf präventive Maßnahmen – sprich Früherkennung und Fortbildung.

Liegt nun ein solcher Entwicklungsrückstand bei der Umsetzung der Lerninhalte vor, ist das Kind bereits mit Beginn seiner Schulkarriere überfordert. Die Schulkinder sind in diesem Fall den Misserfolgen hilflos ausgeliefert und versuchen dies soweit wie möglich zu kompensieren: Mit anderen Worten kommt es vor, dass sie im Verhalten abwehrend reagieren oder psychosomatische Beschwerden wie Schulkopfschmerzen, Übelkeit oder chronische Bauchschmerzen auftreten. „Wir haben an unserer Abteilung häufig mit solchen Problemen zu tun, die meist missverstanden oder fehl interpretiert werden. Rund 30 % aller bei uns ambulant behandelten Kinder verfügen über Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten. Um die Persönlichkeit des Kindes nicht zu verletzen, sollten daher oberflächliche Auslegungen wie ‚schlampig oder faul’ vermieden werden. Außerdem sollte man sich stets der Tatsache bewusst sein, dass jeder Schüler erfolgreich sein und gelobt werden möchte – anzunehmen, dass Kinder ihre Leistungsfähigkeit bewusst negativ beeinflussen wollen, ist  daher völlig absurd“, betont Prim. Dr. Michael Merl, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Landes- Frauen- und Kinderklinik Linz.

Die Bedeutung einer frühen Diagnose und das rasche Korrigieren möglicher Teilleistungsstörungen – oftmals werden diese erst im zweiten oder dritten Schuljahr wahrgenommen – sollen nun an Hand zweier Beispiele näher skizziert werden.

Beispiel 1:
Schriftbild: krakelig und teilweise unlesbar

„Dieses Kind besucht die erste Klasse Volksschule und wurde auf Grund von Verhaltensauffälligkeiten von den Eltern zu uns gebracht. Tatsächlich konnte jedoch ein Defizit in der Koordination der feinmotorischen Leistungen festgestellt werden:
Das Kind hebt von der Unterlage ab und kann nicht über die Mittellinie arbeiten. Das Schriftbild ist in diesen Fällen krakelig und teilweise unlesbar. Es handelt sich also um einen umschriebenen Entwicklungsrückstand motorischer Fertigkeiten – früher hätte man eine graphomotorische Legasthenie diagnostiziert. Wir vermeiden heute solche Gesamtbegriffe, weil sie das Kind insgesamt und nicht die Detailfunktionen dokumentieren“, erklärt Merl.

Beispiel 2:
Text mit Fehlern

In anderen Fällen sind solche Teilleistungsstörungen mit Sinnesstörungen kombiniert. Buchstaben werden daher von den Kindern so wiedergegeben, wie diese sie akustisch wahrnehmen. So werden eine Fülle von Vokabeln immer wieder falsch geschrieben und somit falsch gespeichert. Es kommt neben Konsonantenfehlern vor allem zum Vertauschen von ähnlich klingenden Buchstaben wie g und k oder d und t.  Prim. Merl ergänzend dazu: „Diese Defizite gilt es so früh wie möglich zu erfassen. Sprachheilpädagogik oder logopädisches Training können dabei äußerst hilfreich sein, denn durch frühes Training können diese Defizite erfolgreich behoben werden.“

Noch schwieriger zu beheben als Entwicklungsstörungen der Rechtschreibung sind Entwicklungsstörungen der Rechenfunktionen. „Kinder bedienen sich daher oftmals verzweifelt an Objekthilfen durch Zählen der Finger – das Problem dabei ist, dass wir halt nur zehn Finger haben“, so Merl. Rechenstörungen haben jedoch gar nichts mit Intelligenzminderung zu tun – die negativen Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder ist jedoch enorm. Die Verzweiflung der Betroffenen ist oftmals sehr groß und kann depressive  Verstimmungen zur Folge haben.

Zur Vervollständigung möglicher Teilleistungsstörungen gilt es die so genannten Aufmerksamkeitsstörungen zu erwähnen, die eine Vielzahl von Kindern aufweisen – Tendenz steigend. Was jedoch alle Teilleistungsstörungen gemeinsam haben, ist die Herangehensweise bei der Feststellung dieser Defizite. Sprich diese Kinder sollten mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen aber auch mit der Unterstützung professioneller Hilfe versorgt werden. Prim. Merl über die Vorgehensweise seiner Abteilung: „Zu Beginn wird das Sehen, Hören, Tasten und der Gleichgewichtssinn der Kinder überprüft. Innerhalb der neurophysiologischen Diagnostik kommen zusätzlich ein Entwicklungstest, die Überprüfung der Intelligenz und unterschiedliche neurologische Untersuchungen (EEG und Stoffwechsel) zum Einsatz.“